Den Mut finden, Neues auszuprobieren
Wir beschäftigen uns hier ja immer wieder damit, uns neue Fähigkeiten anzueignen, neue Situationen zu erleben und neue Strukturen zu erleben. Dieses „Neu sein“ ist also Teil davon, im Leben weiterzukommen. Dass das aber viel unbequemer ist als auf dem Sofa zu sitzen und fern zu sehen zu schauen oder auf dem Handy zu scrollen ist leider die Krux an der Geschichte.
Für mich war das dieses Wochenende ein Besuch bei der Familie. Objektiv gesehen war der Ausflug durchaus eine anstrengende Gelegenheit. Es wurde gestritten. Ich habe auf einer harten Matratze geschlafen. Der Zug war so überfüllt, dass ich Menschen nah war, denen ich nie so nah kommen wollte. Jemand hat neben mir die halbe Fahrt so laut telefoniert, dass ich es im anderen Abteil noch hätte zuhören können.
Und es war mal wieder ungewohnt. Ich kam dieses Mal in eine Gruppe, die mir nicht so bekannt war. Ich fühlte mich etwas fehl am Platz. Ich dachte, wieso geht es den anderen nicht genauso? Ich konnte nicht auf meine Routinen zurückgreifen, die ich sonst benutze, um mich wieder wie ich selbst zu fühlen. Mehrere Male habe ich gedacht, was mache ich hier eigentlich?
Jetzt sitze ich nach diesem Wochenende an meinem Schreibtisch und stelle fest, was dieser Ausflug ausgelöst hat. Allein diese aktive Pause zu machen, das Gehirn mit etwas anderem zu beschäftigen und ihm Raum zu geben, sich von Gedanken zu erholen, überflutet es mit neuen Ideen, sobald ich wieder klassisch „produktiv“ sein möchte. Ich stelle fest, womit ich die letzten Wochen meine Zeit verschwendet habe und welche Aktivitäten mich wirklich voran bringen. (Kennt ihr das, wenn man so vor sich hinarbeitet, als eine Art Beschäftigungstherapie, anstatt die wirklich wichtigen Dinge zu tun?)
Ich stelle außerdem fest, wie sehr mich die Gespräche voran gebracht haben. Ich stelle fest, welche Erkenntnisse ich davon in mein Leben integrieren will und welches Leben ich nicht führen möchte. Ich stelle fest, wie es mich erfrischt hat, den Sonnenuntergang in einer anderen Stadt durch das obere Zugfenster zu beobachten, Menschen zu beobachten, die andere Kleidung tragen und Essen zu essen, was ich zuhause nicht koche.
Ich stelle fest, dass das eines der „verdammten ersten Male“* war, dass ich diese Art von Wochenende erlebt habe und dass daher es klar ist, dass ich mich so fremd fühle. Ich stelle fest, dass ich, wenn ich darüber schreibe oder es meiner besten Freundin berichte, Abstand gewinne und meine Reaktion nicht mehr als Fehler, sondern als natürliche Reaktion empfinde. Ich stelle fest, dass ich es wieder machen werde und das Unwohlsein einer neuen Situation mir lieber ist als das Unwohlsein von langfristiger Bequemlichkeit, die sich in akuter Gehirnträgheit und Lebensstillstand ausdrückt.
*ein Begriff von Brené Brown, der dieses merkwürdig unangehme Gefühl beschreibt, sich wie ein Idiot vorzukommen, wenn man etwas zum ersten Mal macht.